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Skagafjörður Pferdefestival 2006
Reisebericht von Barbara Beckmann.
Lýtingsstaðir - auch im April eine Reise wert
Sommeranfang im April
Wer schon in Island war, dem ist es sicher aufgefallen, das Gemälde in der Eingangshalle des Keflaviker Flughafens. Jedes Mal stehe ich andächtig davor und verfolge mit den Augen die feuerrote Linie, die eine langgezogene Fläche in changierenden Grautönen zerteilt. „ Einfach genial “, denke ich. So viel, was Island ausmacht, findet sich in diesem Bild wieder. Die Weite, Feuer unter einer dünnen Erdkruste, allgegenwärtige vulkanische Aktivität, Geheimnis, Gefahr... Spätestens, wenn man im Pendelbus nach Reykjavik sitzt und die endlosen, dunkelgrauen Geröllfelder aus erkalteter Lava durchquert, versteht man, worauf die Künstlerin anspielt. Später wird die Insel dann farbiger, zumindest im Sommer. Darauf muss ich allerdings dieses Mal verzichteten. Es ist erst April und wo man hinschaut, dominiert ein dezentes Beige das Bild und natürlich Weiß, vom Schnee. Bis die ersten Grashalme sprießen, wird es noch ein paar Tage dauern, auch wenn die Isländer am 20. April Sommeranfang feiern und der ein oder andere, so wird mir glaubhaft versichert, den Grill auspackt.
Es ist meine fünfte Reise nach Island und wie in den letzten Jahren auch führt sie mich in den Skagafjörður zu Evelyn und ihrem Mann Sveinn, die in der Nähe von Varmahlið ihren Hof Lýtingsstaðir mit Reitbetrieb, Pferde- und Schafzucht bewirtschaften. Dass es mich immer wieder hier hinzieht, hat seinen Grund. Zum einen mag ich den Norden Islands. Zum anderen schätze ich sehr, dass mir hier nicht nur Ausritte in die grandiose Landschaft geboten werden, und das auf wirklich guten Pferden, sondern dass ich hier ganz viel von Island mitbekomme. Wie das Leben hier ist, wie es war, wie die Menschen hier denken und fühlen, wo Probleme liegen oder wie man sie lösen möchte. Evelyn ist dieser Aspekt des Reisens sehr wichtig und ihre Begeisterung für ihre neue Heimat steckt an.

Ein Praktikum mit Folgen
Aber wie kommt eine Kulturwissenschaftlerin aus dem brandenburgischen Rheinsberg auf die Idee, ihre Koffer zu packen und nach Island überzusiedeln? Evelyns Geschichte ist schon ein wenig außergewöhnlich. Sie begann 1995 mit einem studienbegleitenden Praktikum am Goethe-Institut in Reykjavik. Vorgeschaltet war allerdings noch eine Island-Rundreise und da durfte natürlich eine Reittour auf Islandpferden nicht fehlen. Begleitet wurde der Ritt von Sveinn und schon damals muss wohl der Funke übergesprungen sein. Nicht nur, was das Islandpferd betrifft. Nach Abschluss der Magisterarbeit und nach zahlreichen Besuchen auf Lýtingsstaðir, Sveinns elterlichen Hof, fiel dann 1997 der Entschluss, entgültig zu ihm nach Island zu ziehen. Seit der Gründung des eigenen Reitbetriebs im Jahre 2000 kümmert sich Evelyn nun neben vielen anderen Aufgaben um die touristischen Belange, wobei ihr sicher zugute kommt, dass sie im Studium auch eine Menge über Betriebswirtschaft gelernt hat. Verstärkung bekommen die Beiden sicher bald von Söhnchen Júlíus, der sich schon als dreijähriger Knirps auf dem Pferderücken sichtlich wohl fühlt.

Mit Finninnen lässt es sich gut reisen
Schon bei der Planung der Reise ist Evelyn ihren Gästen gern behilflich. Das war auch diesmal bitter nötig, denn das Reisen im April ist nicht ganz so problemlos wie im Sommer. So fahren zum Beispiel die Busse am Wochenende nicht und der Inlandsflieger landet in der Nebensaison nur in Akureyri, einen Fjord weiter. Was für ein Glück, dass man auch in Finnland Islandpferde liebt und Katri und die zwei Tarjas am Ostermontag fast zur gleichen Zeit wie ich in Kevlavik landen. Auf Evelyns Vermittlung hin und nach einem netten E-mail - Kontakt im Vorfeld nehmen die drei mich in ihrem Mietwagen mit. Als wir im Süden der Insel aufbrechen, scheint die Sonne. Nach einigen Stunden und angeregten Gesprächen in ziemlich waghalsigem Englisch passieren wir das Hochland. „It´s getting quit arctric, isn´t it!“ meint Katri trocken, die als Einzige perfekt englisch spricht. Draußen stürmt und schneit es. Das kann ja heiter werden!
Ausritte im Schnee, Rennpass und Lamm-Eintopf
Als wir Lýtingsstaðir erreichen, beruhigt sich das Wetter und unseren ersten Ausritt am nächsten Tag können wir im Sonnenschein genießen. Vorausgesetzt natürlich, man war auf Temperaturen um den Gefrierpunkt eingerichtet. Overall oder Thermohose, warme Handschuhe und Schals sind für einen Ritt durchs verschneite Island schon nötig.
Was das Pferd angeht, komme ich auch dieses Mal voll auf meine Kosten. Blesi, ein ehemaliges Fünfgang-Turnierpferd, ist ein ganz netter Kerl und ein Hochgenuss. Bequemer Tölt ohne Ende, viel Gehwillen und trotzdem ganz leicht zu regulieren. Dass ich mein Lieblingspferd Guðni nicht reiten kann, er hat noch Urlaub, vergesse ich auf diese Weise ganz schnell. Als ich dann auch noch Rennpass probieren darf und es tatsächlich klappt, ist `s um mich geschehen. Tolles Pferd! „Always try, never buy!“ höre ich jemanden hinter mir sagen. Ja, ja - ist ja gut!

Besonders für die beiden Tarjas, die noch nicht lange reiten, sind die Ausritte in die Umgebung ein aufregendes Erlebnis. Wer die Trittsicherheit der Pferde hier nicht kennt, dem erscheint die Klettertour durch Lýtingsstaðir - Land oder das Durchqueren des eisigen Flüsschens im Tal schon als ein wenig abenteuerlich. „ Es ist schon wichtig zu erfahren, was diese Pferde können“, meint Evelyn. Abends bei einem typisch isländischen Lamm-Eintopf ist jedoch alle Aufregung vergessen. Ich bin jedoch froh, dass Evelyn so nett ist, extra für mich vegetarisch zu kochen. Merkwürdig, was für einen Appetit man hier entfaltet. In Island zu leben wäre allerdings für jemanden wie mich ein teures Vergnügen, wenn man bedenkt, dass eine Gurke 5 Euro kostet.
Pferdefestival im Skagafjörður
Nach drei schönen Reittagen, zwei abendlichen Besuchen im Hot - Pott und einem interessanten Filmabend über das Austurdalur beginnt dann mit einem Besuch der Hochschule und Zuchtstätte Hólar ein weiteres Highlight unseres Urlaubs: Das Pferdefestival im Skagafjörður. Den Auftakt bildet eine Reitdemonstration zur Korrektur von verschiedenen Taktfehlern im Tölt und zum Reiten von Tempounterschieden. Anschaulich kommentiert von der norwegischen Ausbilderin Mette Mannseth, einer der besten Reiterinnen Islands, wie wir von Evelyn erfahren. Es folgt ein einstündiger Vortrag über die Farbvererbung beim Islandpferd, dem ich allerdings nur mit Mühe folgen kann, nicht nur weil die Referentin Englisch spricht und eine Menge Fachbegriffe verwendet, sondern weil sie noch dazu einen recht harten Akzent an den Tag legt. Zum Ausgleich zeigt sie jedoch eine Menge schöner Dias. Anschließend dürfen wir dann noch einen Stall besichtigen und kurz dem Unterricht beiwohnen. Der Ton sei hier äußerst streng, erfahren wir später von einer Schülerin. Auf dem Nachhauseweg besichtigen wir noch die kleine Torfkapelle Grafakirkjan und das Fischerdörfchen Hofsós. Vor der Küste ragen die Inseln Drangey, Málmey und Þórðahöfði aus dem Wasser und Evelyn erzählt uns die Geschichte des Outlaws Grettir, der so stark war, dass er die Strecke zur Insel Drangey (ca. 6 km) geschwommen sein soll. Es nahm trotzdem kein gutes Ende mit ihm.

Freitag und Samstag stehen im Zeichen des Pferdefestivals im Skagafjörður und - des Schneesturms. Gut, dass wir jetzt nicht mehr reiten müssen. Die Teilnehmer der Zuchtprüfung sind wirklich nicht zu beneiden, kämpfen sich aber tapfer durch die Naturgewalten und lassen sich nichts anmerken. Das sind schon herrliche Pferde, die man da sieht. Die Zuschauer bleiben allerdings lieber in ihren Autos. Hier treffen wir auch Mette Mannseth wieder, die die Nachzucht ihres Hengstes vorstellt.

Später wird dann doch alles in die Halle verlagert, die eine – wie ich annehme - isländische Besonderheit aufweist (in der Tat war es das erste Mal in der isländischen Zuchtgeschichte, dass eine Zuchtprüfung indoor stattfand). Zu den Passprüfungen werden an den kurzen Seiten große Tore hochgefahren, die Reiter starten draußen, schießen im Pass durch die Halle und auf der anderen Seite wieder hinaus. Am Freitagabend stärken wir uns noch im Ólafshús in Sauðárkrókur mit mehreren gigantischen Pizzen und brechen dann wieder zur Reithalle Svaðastaðir auf, um uns gute Plätze für das abendliche Show-Programm zu sichern. Und das ist wirklich vom Feinsten. Alles, was hier Rang und Namen hat, ist vertreten. In verschiedensten Schaubildern und Quadrillen präsentieren die Reiter und Reiterinnen ihre besten Pferde.

Reynir Adalsteinsson und elf weitere Reiter sausen mit überirdischen Super-Töltern zu fetziger Rockmusik so schnell durch die Halle, dass einem der Atem stockte. Ein weiterer Höhepunkt ist sicher das 60 Meter Pass-Rennen. Rechts rein in die Halle, links raus, und das dauerte bei dem Gewinner gerade 5,03 Sekunden. Schöne Hengste sind zu bestaunen, einer sogar vor dem Sulki (Gammur frá Steinnesi). Alles in allem ein sehr beeindruckender Abend!
Am Samstag startet das Programm mit einer Demonstration in Punkto Pferdebeurteilung. Ein Materialrichter erklärt en detail, leider auf Isländisch, worauf man beim Gebäude Wert legt. Gott sei Dank werden seine Ausführungen noch ins Englische übersetzt, allerdings in einer Art Kurzversion. Im Anschluss ein weiterer Auftritt von Mette Mannseth, die eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass ein Islandpferd auch die Hohe Schule beherrscht: Passagen, Piaffen und Spanischer Schritt, kein Problem für Kylja frá Stangarholti (Stute mit der höchsten Bewertung der vorausgegangenen Zuchtprüfung 8,46 Gesamt). Später präsentiert Björn Sveinsson, der Besitzer des Gestüts Varmilækur seinen Hengst Tindur frá Varmalæk, der die Wahl zum Publikums-Liebling gewonnen hat.
Nice Picture!
Schade nur, dass ich die Besichtigung seines Gestüts am Sonntag verpasse, denn für mich heißt es nun Abschied nehmen. Im strahlenden Sonnenschein bringt mich Svenni nach Akureyri zum Inlandsflieger. Am nächsten Morgen mache ich am Flughafen noch schnell ein Photo von meinem Lieblingsbild. „Nice picture!“ ruft mir eine Stewardess zu. In der Tat, denke ich. Mal abwarten, wann ich es das nächste Mal betrachten kann.
Erschienen in: Reiten und Züchten. Das Mitgliedermagazin des IPZV Münsterland E.V. 2/2006
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